r-schleysing.de

  • Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern
Home Oskar-Münsterberg-Haus

Das Haus Münsterberg ist die Geschäftsstelle unserer Gesellschaft. Zur seiner Eröffnung am 22. März 1996 hielt Peter Wagner, damals evangelischer Vorsitzender, folgende Rede:
 
 

Ansprache bei der Einweihung des Münsterberg-Hauses, Detmold am 22. März 1996

   Als vor zehn Jahren 1986 das Haus Münsterberg – wie ein kranker Mensch auf seiner Bahre- aus dem andrängenden Verkehr der Hornschen Straße bewegt wurde, da hatte das Gebäude in seiner rund 150jährigen Geschichte schon ganz andere bewegte und bewegende Zeiten erlebt, Zeiten tiefer Einschnitte und Umbrüche.

    In demselben Jahr, in dem Oskar Münsterberg (in Danzig 1865 geboren) aus Berlin nach Detmold kam, da lebte hochbetagt in Berlin noch ein in Detmold geborener Wissenschaftler: Leopold Zunz, der Begründer der Wissenschaft des Judentums, der Verfechter des freien Gedankenaustauschs der religiösen Traditionen, ein Vorkämpfer der Demokratie in Preußen und der Gleichstellung der jüdischen Bürger. Damals in den Jahren nach 1880 erreichte der "Berliner Antisemitismusstreit" die öffentliche Diskussion. Heinrich von Treitschke, Berliner Professor für Geschichte, schrieb in den "Preußischen Jahrbüchern" (November 1879): "Täuschen wir uns nicht: Die Bewegung ist sehr tief und stark... Bis in die Kreise der höchsten Bildung hinauf, unter Männern, die jeden Gedanken kirchlicher Unduldsamkeit oder nationalen Hochmuts weit von sich weisen würden, tönt es heute wie aus einem Munde: die Juden sind unser Unglück."
In der Tat, dieser Satz Heinrich von Treitschkes wurde zum Schlagwort und machte Geschichte. Die von ihm so bezeichnete "Bewegung" des Antisemitismus indessen bestand fort und gewann noch an Stärke, bis sie, wie wir wissen, schließlich 1933 zur staatstragenden Ideologie werden konnte.

    Oskar Münsterberg verließ 1896 wieder Detmold. Er machte Karriere als Fachmann für ostasiatische Wirtschaftsgeschichte und schrieb unter anderem, seiner Neigung zur Kunst folgend, eine zweibändige Chinesische Kunstgeschichte (1910 und 1912). Die völlige rechtliche Gleichstellung der Juden durch die Weimarer Republik erlebte er nur in deren Anfangsjahren. Oskar Münsterberg starb 1920 55-jährig in Berlin.

    Seine Witwe, eine Nichtjüdin, heiratete in zweiter Ehe den Rittmeister Clemens von Mirbach. Sie überlebte den Krieg.

    Seine drei Kinder konnten sich rechtzeitig dem Zugriff der nationalsozialistischen Herrschaft entziehen. Als erster wanderte Hugo 1935 in die Vereinigten Staaten aus, wo sein Onkel als Professor für Wirtschaftspsychologie gewirkt hatte. Die beiden Töchter Münsterbergs, Marianne und Elisabeth, konnten sich noch 1939 nach Schweden retten und ebenfalls in die Vereinigten Staaten ausreisen.

    Die Mehrheit der jüdischen Familien in Lippe hatte nach 1933 ein schlimmes Geschick zu tragen. Einige verließen die Heimat und wanderten nach Übersee aus, andere begannen in Palästina unter englischem Mandat ein völlig neues Leben im alten Land der Juden.

    Diejenigen, die blieben, wurden aus ihren Häusern vertrieben, wurden verhaftet, wurden in Ghettos deportiert, wurden in den Todeslagern ermordet. Die Gedenktafel der Opfer der nationalsozialistischen Herrschaft in dieser Stadt Detmold nennt 151 Namen jüdischer Kinder, Frauen und Männer, die ermordet wurden.

    Kein Haus in Detmold außer diesem Haus Oskar Münsterberg weist noch eine Spur ehemaligen jüdischen Lebens auf. Sie sind zum Teil abgebrochen wie das Haus Hornsche Straße 33, ein sogenanntes Judenhaus, das ehemals hier gegenüber auf der anderen Straßenseite stand. Oder sie sind nicht mehr zugänglich wie das Reihenhaus in der nahen Gartenstraße, in dem sich von 1939 bis 1942 die kleine Jüdische Schule befand und das Altersheim für 16 alte Menschen bis zu ihrer Deportation nach Theresienstadt, Treblinka und Auschwitz.

    Für die Überlebenden der jüdischen Familien, ihre Kinder und Enkel hat das Haus Münsterberg eine symbolische Bedeutung, die wir kaum wermessen können. Sie, die zu einem Teil auch Mitglieder unserer Gesellschaft sind, die Familien Lev Ron, Bakschitzky, Eschel, Markus, Margalit, Raveh und Wolff, sie sehen in den Räumen, die unsere Gesellschaft jetzt nutzen darf, ein Stück Heimtat, einen Ort, an dem Zeugnisse ihres jetzigen Lebens und früherer Bedrückung und Verfolgung gesammelt und aufbewahrt werden sollen.

    In ihrem Namen, im Namen aller Mitglieder der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Lippe, möchte ich all denen danken, die zum Erhalt dieses Hauses und seiner Restaurierung beigetragen haben: Ich nenne stellvertretend für alle einzelnen: die Bürgeraktion Stadtsanierung, die Lippische Gesellschaft für Kunst, das Land Nordrhein-Westfalen, die Stadt Detmold und ihre sachkundigen Mitarbeiter, das Architekturbüro Weber und alle Bauhandwerker. Der Stadt Detmold danken wir im Besonderen für die Räume, die wir in diesem Haus als Gesellschaft nutzen dürfen.

    Das wir unsere Arbeit an dem Stein gewordenen Vermächtnis von Oskar Münsterberg anknüpfen können, mag die moslemische Gebetsnische hier an der Stirnseite des Raumes verdeutlichen.

    Sie trägt die Züge der Baukunst jener großen spanischen Blütezeit um die Jahrtausendwende, die Zeit des kulturellen Austauschs und des Zusammenwirkens von Moslems, Juden und Christen. Der Islam beherrschte zwei Drittel der damaligen bekannten Welt. Er war den christlichen Ländern kulturell überlegen und war aus einer gefestigten Position heraus tolerant – jedenfalls in Spanien.

    Im Stil jener Zeit hat Oskar Münsterberg die Gebetsnische gestalten lassen. Das war mehr als nur Ausdruck einer Kunst – Liebhaberei, es war, scheint mir, Programm: In kufischer Kunstschrift wird in dieser Nische der Satz unendlich wiederholt: "Gott allein ist Sieger."

    "Gott allein ist Sieger": Dieser Satz ist nicht ganz ungefährlich. Er kann gebraucht und er kann missbraucht werden.

    Er wird missbraucht, wenn man ihn ideologisch als Ausdruck eigener überlegener Gläubigkeit versteht. Dann hat der, der ihn so anwendet, angeblich immer Recht. Der Gläubige missversteht sich als Arm Gottes. Der Satz wird daher zu einer Waffe in seiner Hand und zum Mittel der Herrschaft über andere.

    Der Satz "Gott allein ist Sieger" wird recht verstanden, wenn er selbstkritisch gesprochen und gewendet wird. Selbstkritisch gegenüber eigener Wahrheitserkennis und vermeintlicher Überlegenheit im Blick auf andere. "Gott allein ist Sieger" ist recht gebraucht ein herrschaftskritischer Satz und somit eine gute Grundlage für den Austausch der religiösen Traditionen und Kulturen.
 
 

Peter Wagner